Gegenstand, Funktion und der ganze Rest

Ein Mensch, eine Welt ohne Dinge, ohne Sachen oder besser gesagt, eine Welt ohne Gegenstände ist schwer denkbar. Gab es vor dem Anthropozän keine Gegenstände, sondern nur Dinge, so ist es jetzt umgekehrt: Die Welt ist randvoll mit Gegenständen, die eine Funktion haben und selbst wenn ihnen keine innewohnt, so können sie immer noch zur Dekoration verwendet werden und so einen Zweck erfüllen. Tun sie auch das nicht, dann sind sie Müll, eine von Menschen erfundene Sackgasse für Gegenstände, die es so vorher nicht gab. Eine einzigartige Innovation in der Geschichte der Erde, die bis dato keinen Müll kannte und dessen explosionsartiges Anschwellen im Zeugraum den Planeten völlig unvorbereitet trifft.
Wie die Funktion den Gegenstand adelt
Gegenstände brauchen also eine Funktion, ganz besonders im Perpetum Mobile genannt Kapitalismus, in dem der Weg der Rohstoffe über Produktion, Verkauf und Gebrauch zum Müll eine Parabelkurve ist, kein Kreislauf. Ohne Funktion bleibt ein Gegenstand im Universum der Produkte ein Nichts, zum Beispiel der Schuh. Denn es reicht nicht aus, einfach ein guter Schuh zu sein, der passt, seinen Dienst versieht, passabel ausschaut und repariert werden kann. Besser wäre es, so ein Schuh hätte eine besondere Funktion, beispielsweise die Soft-fit-Funktion, deren Grundlage die Soft-Fit-Technologie ist, die im wesentlichen darin besteht, die Decksohle aus Textil zu fertigen, was dann am Ende der Bequemlichkeit förderlich ist. Soft Fit kann jedoch ebenso eine weiche Memory Foam-Hightech-Einlage sein, ein mit Chemikalien angereicherter Polyurethan-Schaum, Formgedächtnispolymer, umgangssprachlich Kaltschaum genannt, der über einen Shape Memory-Effekt verfügt und sich quasi an die Form eines Fußes erinnern kann, was Objekt und Träger unauflösbar zusammenschweißt, weshalb ein solcher Kauf selbst bei fortwährend verkürzter Haltbarkeit der Produkte wohl bedacht sein will.
Es war ein weiter Weg, den wir von der antiken Sandale bis zum intelligenten Smart Lacing für das leichtgängige und druckfreie Anpassen des Schuhs an den Fuß zurückgelegt haben und der uns direkt zu den sogenannten Funktionsschuhen führt, einer ganz besonderen Kaste von Schuhen, die ebenfalls Technologieträger sein können, etwa der Masa Barefoot Technologie, mit der vorsätzlich ein instabiler Gang hervorgerufen wird, um andere, weniger genutzte Muskelgruppen zu aktivieren, was unter dem Strich wahrscheinlich angenehmer ist, als mit einem Stein im Schuh zu laufen. Schuhe können mit der Funktion Sicherheit, Trekking oder Outdoor ausgestattet sein und es kann vorkommen, dass ein Funktionsschuh den Eigennamen Air-Tech Komfort erhält und auch so genannt werden möchte, "der Air-Tech Komfort". Dabei ist ein Funktionsschuh bedeutend mehr als ein funktionaler Schuh, welcher seinen Zweck höchstens mit der gefühlten Note "ausreichend plus" erfüllt, während man von einem Funktionsschuh deutlich mehr erwarten kann. Wasserdicht und atmungsaktiv, gefüttert, gedämpft und optimiert sind sie alle, doch nicht jeder Schuh kann mit AIRFLOW-Kanälen oder einem AIR-Active Fußbett aufwarten, ob nun mit oder ohne Dämpfungskeil. Wer hier keine Stabilisierungszone vorweisen kann, landet schnell im merkantilen Aus.
Lebensechtes Paralleluniversum
Die weltumspannenden Schuhströme gebären fortwährend neue Alleinstellungsmerkmale, etwas, ohne das weder Gegenstand noch Mensch mehr sein können. Ob Bewegungsmelder mit Alarm-Ding-Dong-Funktion, Sofa mit oder ohne Schlaffunktion, Dental Leckerli Funktion Drops oder batteriebetriebene Kinderrasenmäher mit Seifenblasenfunktion, it's the feature, stupid! Insbesondere der Spielzeugsektor ist von dem Gedanken durchdrungen, seine Produkte mit Funktionen anzureichern. Wenn man Kundenmeinungen Glauben schenken darf, sind die Resultate in hohem Maße multimorbid und bereits bei Auslieferung unbrauchbar, was den Verdacht nahelegt, diese Art von Gegenständen transportierten weniger einen realen als vielmehr einen rein imaginierten Wert. So gibt es beispielsweise den "Spaß Olaf", der 16 Sätze sprechen und kichern kann, wenn man ihm Nase, Beine oder Haare abnimmt sowie Plüsch-Funktionshunde mit Akkustik- & Berührungssensoren, die gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer batteriegetriebener Wesen die Kategorie "Funktionsplüsch" bevölkern, ein feststehender Begriff in der Ontologie der Produktklassifikationen, der ein ständig wachsendes Paralleluniversum LSD-getränkter Erscheinungen bezeichnet, deren Funktion mittels Kippen, Ziehen oder Drücken ausgelöst wird und die das gelegentlich beigefügte Attribut "lebensecht" in einem anderen Licht erscheinen lassen.
3-in-1
Ein weiteres Funktions-Universum ist unter dem Deckmantel der Nützlichkeit in der Küche entstanden. Selbst ein schnödes Bratenblech (mit patentierter Bratensaftfunktion) kann mit einem weiteren Asset aufwarten, nämlich einem einzigartigen Ablasshahn mit Auf- und Zu-Funktion. Backöfen verfügen über eine Selbstreinigungsfunktion, Dunstabzugshauben entlasten Koch und Köchin nicht nur in kritischen Phasen mit einer intelligenten, vollautomatischen Leistungssteuerung, der Hob2Hood-Funktion und Multifunktionsgeräte, bevorzugt 3-in-1, kombinieren Sandwich Maker, Waffeleisen und Kontaktgrill, Waffeleisen, Mini Cupcake Maker und Mini Donut Maker, Dampfgarer, Grill und Inverte Mikrowelle, Kontaktgrill, Waffeleisen und Sandwichtoaster und schließlich als Evergreen schlechthin die Mikrowelle mit Grill und Heißluft. Die aus der Konsum-Numerologie bekannte Idealformel des 3-in-1 dürfte dabei ihren Ursprung in den sturmreif geschossenen Gehirnen ihrer Adressaten und deren abnehmender Merkfähigkeit haben.
Der Gegenstand gehört dem Produzent
Der wilde Innovationswirbel um einen archaischen Gegenstand, der Ersatz des Gebrauchs durch das Surrogat einer Idee, die geradezu parodistische Nacherfindung von Leben sowie die überbarocke Nützlichkeit - all das verleiht dem Wesen der Funktion einen janusköpfigen Charakter, in dem Nutzen und bis an die Idiotie grenzende (Dis)Funktionalität zwei Seiten ein und desselben Gegenstandes sind. Es ist, als käme der Funktion die Aufgabe zu, uns über die Abwesenheit von etwas hinwegzutrösten. Wir gehen selten zu Fuß, sondern lassen uns bewegen. Wir spielen statt mit etwas lebendigem mit Zeug. Wir prüfen die Dinge kaum mehr auf ihre Tauglichkeit, sondern glauben dem Bild, das man uns malt. Könnte es also sein, dass mit dem Erfinden von Funktionen ein wie auch immer gearteter Verlust kaschiert werden soll? Haben wir überhaupt verstanden, dass Funktion und das daraus abgeleitete, positiv belegte Funktionieren zwei voneinander getrennte Dinge sein können? Und das Funktionieren per se nichts positives sein muss?
Besitz und Gebrauch verändern sich
"Ein Ding ist bestimmt durch sein Wesen" schreibt Gropius 1925. "Um es so zu gestalten, dass es richtig funktioniert - ein Gefäß, ein Stuhl, ein Haus -, muss sein Wesen zuerst erforscht werden; denn es soll seinem Zweck vollendet dienen, das heißt, seine Funktion praktisch erfüllen, haltbar, billig und 'schön' sein." Nicht, dass es keine Gegenstände gäbe, die dieses Ideal nicht aufgreifen würden, doch das Wesen fast aller Produkte wird von denen bestimmt, die als Produzent aus ihnen Nutzen ziehen, nicht als Gebraucher. Das ist es, was das Wesen eines Gegenstandes bestimmt: Die Intention des Entwerfenden. Seine Absichten sind es, die den Gegenstand formen, seine Dauer bestimmen, den Gebrauch leiten und im Zweifelsfall sogar die Nachfrage danach schaffen. Wenn also das Wesen eines Gegenstandes weniger das ihm "Innewohnende" ist, das es zu erforschen gilt, sondern vielmehr von seinem eigentlichen Nutznießer bestimmt wird, dem Produzenten, geht der erworbene Gegenstand überhaupt gänzlich in den Besitz des Gebrauchenden über? Wird die Vorstellung von Besitz, Gebrauch und Verbrauch durch dieses Binnenverhältnis sowie durch die unendliche Anzahl von Gegenständen, die auf uns einprasseln, nicht geradezu ungreifbar? Sind es nicht die nicht Gegenstände, die uns in Besitz nehmen? Und: Haben wir selbst nicht längst ebenfalls Funktionen?