Space Is The Place

Zwei nach dem Feuerwall-Paradoxon quantenverschränkte Teilchen erzeugen 1987 auf Coney Island einen äußerst selten zu beobachtenden Gravitationslinseneffekt, mit dem rund 200 Zuschauer verschiedene eindimensionale topologische Defekte im Raum beobachten können.
Space is the Place
Coney Island ... die Insel, wo den ganzen Tag über die Sonne scheint, hieß es seinerzeit. Nachdem um die Jahrhundertwende die New Yorker U-Bahn angeschlossen worden war, schwoll in den 20er und 30er Jahren der Strom der Besucher an Wochenendtagen auf eine Million an und mehr. Das "Nickel Empire", für die Fahrt reichte ab 1913 eine 5-Cent-Münze, erlebte seine Blütezeit zwischen den Weltkriegen, mit dem Nachkriegsboom begann die Agonie.
Hier, im verglühten Vergnügungspark vor den Toren Brooklyns, kreuzten sich an einem Sonntag Nachmittag im Juni 1987 die Umlaufbahnen von John Cage und Sun Ra. Als Starthilfe für ein frisch aus der Taufe gehobenes Plattenlabel gedacht, organisierte die Meltdown Performing Arts Inc. ein Konzert, dessen Aufnahme eine der wenigen Veröffentlichungen des Labels bleiben sollte, wenn nicht sogar die einzige. 2016 schließlich wurde das vergessene Gipfeltreffen ein zweites Mal veröffentlicht, diesmal von Modern Harmonic.
Cage, der seit 1942 in New York wohnte und nie zuvor auf Coney Island gewesen war, bestand auf einer Anreise mit der U-Bahn, ausgestattet mit einem handgezeichneten Lageplan. Sun Ra irrte derweil kreuz und quer in einem Taxi über die Halbinsel und es war schierer Zufall, der Meltdown's Rick Russo dazu brachte, sich vor den Türen der ehemaligen Spielhalle die Beine zu vertreten, wobei er eine Straßenecke weiter auf den längst überfälligen und offensichtlich orientierungslosen Fahrer stieß, der unverrichteter Dinge wieder abfahren wollte. "When both John Cage and Sun Ra entered the stage together, I had a tremendous sense of relief," so Russo später.
Weder Cage, 75 Jahre alt, noch Sun Ra, 73, waren mit dem Werk des anderen vertraut. Cage, vor drei Jahrzehnten tragender Teil des Fluxus, hatte 1959 zu den Themen Pilzbestimmung und experimentelle Komposition unterrichtet und war mittlerweile zu einer monumentale Größe in der modernen Kunst herangewachsen. Sun Ra, bis 1952 unter seinem "Sklavennamen" Herman Poole Blount bekannt, war seither mit interplanetarischen Botschaften unterwegs, hatte 1974 den Trash-Thriller "Space Is The Place" abgedreht und zählte weit über 70 Platten in seinem Katalog.
Die Türen der ehemaligen Penny Arcade standen an diesem heißen Tag weit offen. Drinnen, auf Klappstühlen sitzend, erwarteten rund zweihundert Studenten, Kunstbeflissene und von der Uferpromenade hereingeschneite Flaneure den Auftritt der Titanen, für den man die damals nicht geringe Summe von 20$ hingeblättert hatte. Howard Mandel, der die Liner Notes des Original-Albums schrieb, über die Eröffnung: "A bare-chested black man with a hieroglyphics-marked terrycloth (Frottee) towel wrapped around his middle walked onto the cheaply draped stage holding a bowl of smoking incense in one palm, clasping an ankh (koptisches Kreuz) with his other fist. Right behind him was Marshall Allen, Ra's longtime alto saxophone-playing lieutenant. [...] Allen raised an oblong black metal wind synthesizer [...] to his lips and blew a fanfare as crude and arresting as a blast from a ram's horn [...]. Then out came Ra, in a purple tunic with silver foil sleeves, a star-studded cloth cap on his head so that only a fringe of orange-dyed hair peeked out from over his ears. A tuft of neatly trimmed orange beard decorated his second chin. Alongside him was Cage, dressed as usual in faded blue jeans and a grey jacket over a blue denim work shirt."
Sun Ra überzog das illustre Publikum mit spiralnebeligen Sirenenklängen seines Keyboards, John Cage stellte sich ans Mikrophon und gab Laute eines undefinierbaren Dialektes von sich, Auszüge von Empty Words IV. Dazwischen minutenlang: Nichts. Am Ende des Konzerts hingen Musiker und Publikum gemeinsam vor Ort ab.
Auf der Platte selbst ist kaum etwas von der Stille zu spüren, mit der Cage die Zuhörer auf die Geräusche der Umgebung aufmerksam machte, vielmehr beginnt man selbst auf seinen eigenen erweiterten Raum zu achten – und doch stellt sich nach geraumer Zeit ein Gefühl für den Ort der Aufführung ein und man meint die gegenseitige Hochachtung der beiden Singularitäten füreinander mit Händen greifen zu können. Die rohen Fragmente dieses stellaren Konzertes sind umstandslos auf eine A- und eine B-Seite gepresst worden, was höchst unvollkommen und perfekt zugleich ist – so als hätte man, bedingt durch die Limitierungen der Konserve, aus Versehen die Ideen von Fluxus, Neuer Musik und Free Jazz gleichermaßen eingefangen.
Trifft der Begriff "Konzert" hier überhaupt noch zu? Handelt es sich nicht vielmehr um eine akustische Vermessung physikalischer Phänomene, etwa um eine auf Gravitationswellen angespülte elektromagnetische Quadrupolstrahlung? Wie auch immer, unter dem Strich ist die Platte vor allem eins: Zu kurz.
John Cage & Sun Ra
John Cage Meets Sun Ra (1987)
John Cage
John Cage - Empty Words Part IV (1987)
Sun Ra
Solo Piano - Volume 1 (1977)
Quellen: